Material und Verarbeitung
Von Schuhen erwarten wir, dass sie Füße im dynamischen Dienst (z.B. gehen, laufen, tanzen) für uns schützen vor Nässe, Kälte und Verletzung. Für unterschiedliche Beanspruchungen gibt es funktionsspezialisierte Schuhe (z.B. Fußballschuhe, Ballettschuhe). Absolut schlecht und zu vermeiden sind bei diesem Anspruch alle Schuhe, die den Füßen schaden.
Die größte ‚mechanische’ Schädigung geht – unabhängig von Material und Verarbeitung – von Schuhen aus, die
a) zu kurz sind oder zu weit – beide stauchen den Vorfuß in jeder nach vorne gerichteten Bewegung. Die Folge sind Vorfußschäden, die sich als Fußschäden ausweiten bis hin zur Schädigung des gesamten Bewegungsapparats, vor allem Knie und Hüften. Dabei sind alle flachen Schuhe als ‚zu kurz’ anzusehen, die nicht ca. eine Daumenbreite „Schubraum“ vor den Zehen bieten.
b) der natürlichen Form der Füße nicht entsprechen – zu spitz sind, keine asymmetrische Form haben, nicht durch fußproportionsgerechte Aufteilung in Vorfuß und Rückfuß eine Übereinstimmung der Biegebereiche von Fuß und Schuh gewährleisten.
Materialien
Da Füße oft ganztags in Schuhen stecken und durch Bewegung in Umhüllung stärker transpirieren als andere Körperteile, ist auch der hygienische Aspekt bedeutsam. Hier wirken dann Materialqualitäten (Wasserdampfspeicherung oder Durchlässigkeit) ebenso wie Verarbeitungsqualitäten (z.B. Voll- oder Punktverklebung).
Zur Materialbeschaffenheit schreibt die seit Juli 95 gültige „Bedarfsgegenständeverordnung“ zur Verbraucherinformation eine Kennzeichnung von drei Schuhteilen nach fünf Materialien vor.
Leder
kann in der Regel sowohl Wasserdampf speichern wie weitergeben.
Beschichtetes Leder (z.B. Lackleder)
kann je nach Verfahren Wasserdampf speichern, aber entweder gar nicht oder nur begrenzt weitergeben.
Textilien
können Wasserdampf selten speichern, und entweder gar nicht (wenn beschichtet) oder je nach Gewebedichte weitergeben.
sonstige Materialien
haben in der Regel keine Speicherfähigkeit, und leiten Feuchtigkeit abhängig von den Strukturen weiter.
Von einem ganztags getragenen Schuh erwartet man gute Fähigkeit der Speicherung und/oder Weiterleitung von Wasserdampf.
Bundesweite gesetzliche Vorschriften (Deutsche Gefahrenstoffverordnung) wie Vorschriften der EU stellen sicher, dass von Materialbeschaffenheit wie Verarbeitung ‚normal reagierende Haut’ nicht beeinträchtigt wird. Spezielle Allergieempfindlichkeiten sind gesondert abzuklären.
Schuhe gibt es in vielen Macharten, Typen und Schnitten. Je nach individuellem Fuß gibt es viele Kriterien, die zu prüfen sind, ob Schuhe beim Tragen Freude machen oder ‚nerven’. Hier nur einige wichtige Punkte:
Zehenausschnitte und Riemenführungen:
schneiden sie ein oder beeinträchtigen sie druckempfindliche Fußpartien?
Spitzenkappen:
Sind die Kappenränder ausreichend vor den Biegelinien oder reichen sie hinein oder gar darüber hinaus?
Dekolletes bei Pumps, Ballerinen und ähnlich ausgeschnittenen Typen:
wie bei Spitzenkappen – zudem, wie liegen sie zur den Zehengelenken?
Verschlussarten:
lässt die ausgewählte Verschlussart genügend Spiel? Lässt sich der Fuß gut im Fersensitz halten und rutscht er nicht in jeder Abrollbewegung nach vorne (Weite)?
Ausschnitt der Seitenteile:
kommen die Ränder der Seitenteile mit den Fußknöcheln (innen und außen) in Konflikt?
Fersen:
Sitzt die Fersenkappe in gutem Verhältnis zur Biegelinie der Ferse?
Passformprägend ist der Leisten. Leisten vertreten die Füße in der Schuhproduktion.
Füße sind sehr individuell in einer Vielzahl passformwichtiger Maße. Für wichtige Unterschiede von Fußmerkmalen muss es je eigene Leisten geben. Nur mit einem Maßleisten für einen Maßschuh kann man alle individuellen Sonderheiten berücksichtigen. Solche Schuhe kosten je nach Material und Verarbeitung zwischen 750,- bis 1.500,- EURO.
Leisten für passende Schuhe unterscheiden sich vom Fuß in einer wichtigen Abweichung: Sie sind um die Zugabe länger als der Fuß. Nur so findet der Fuß Raum zum Abrollen im Schuh.
Einzelne Leistenmaße für industriegefertigte Schuhe müssen gemittelt werden. Sollen viele Füße in ein Modell passen – hohe Auflage, niedrigere Stückkosten – müssen die Kompromisse größer sein als bei Modellen, die auf kleine Zielgruppen zugearbeitet sind. Deshalb gilt aus ökonomischer Logik immer: Modelle mit höheren Auflagen sind günstiger herzustellen als Modelle mit kleinen Auflagen.
Ein Qualitätsschuh wird aus bis zu 250 Teilen hergestellt. Dazu sind ca. 140 Arbeitsgänge nötig. Das verarbeitete Material ist ein Naturprodukt mit nicht immer gleichen Dicken und kleinen, oft zufällig verstreuten Fehlern.
Man kann aus Kostengründen auch die Zahl der Arbeitsgänge auf ca. 70 - 80 drücken. Man kann Lederteile ausstanzen nach der Vorgabe, dass Abfall minimiert wird oder nach der Vorgabe, dass Fehler und Unebenheiten ausgespart werden. Das sind knappe Hinweise, wie viel „Einsparungspotential“ nur in der Produktionsstrecke für Schuhe steckt. Die Produktionskosten verursachen jedoch nur ein Teil des Endpreises. Der Aufwand für Kreativität (Kollektionsgestaltung), Marketing und Vertrieb kann ebenso verschieden sein wie die Angebotsbreite und Beratungsqualität in der „Verkaufsstelle“.
Es gibt ‚preisgünstige’ und es gibt ‚teure’ Füße. Dieses Phänomen („Ich kann in jeden Schuh steigen, und er passt.“ oder „Bis ich einen gut passenden Schuh finde, muss ich einen Weltenbummel veranstalten.“) hängt mit der Mittelung der Fußmaße für Industrieleisten zusammen. Wenn Füße gut mit den Mittelmaßen übereinstimmen, passen die Schuhe meist problemlos. Weichen wichtige Fußmaße von den Mittelmaßen ab, sind sie „Problemfüße“ und brauchen fast immer gute Beratung und große Auswahl.
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